Erinnere dich!

„Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht Gott: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jer. 29,11)

 

Der Bauch des kleinen Jungen schmerzt furchtbar. Schließlich packt ihn sein Vater ins Auto und bringt ihn ins Krankenhaus: „Du schaffst es!“

Als er schließlich in den Operationssaal kommt, scheint alles zu spät zu sein - der Blinddarm ist geplatzt. Wahrscheinlich schon zuhause. Die Ärzte tun, was sie können. Und: Er übersteht den Blinddarmdurchbruch doch. Drei lange Wochen muss er im Bett bleiben.

Inzwischen ist er erwachsen geworden und erinnert sich: „Erst viel später“, erzählt er, „habe ich verstanden, was damals eigentlich geschah. Mir ist da mit einem Mal klar geworden: Gott hat noch etwas vor mit mir! Das war ein erhebendes Gefühl für mich. Und seit diesem Moment ist es so: Immer, wenn es mir schlecht geht, muss ich daran denken: ‚Gott hat noch etwas vor mit mir.‘ Das gibt mir Kraft.“

Die Bibel erzählt viel von Menschen, die der Gefahr entronnen sind:

- Daniel und seine Freunde verbrennen nicht im Feuerofen

Erinnere dich!

- David, der Hirtenjunge erinnert sich vor dem Kampf gegen Goliath: Der Gott, der mich aus den Krallen der Bären und Löwen errettete, der wird mich auch vor diesem Philister erretten.“

Erinnere dich!

- Juden, die den Holocaust überlebt haben, sagen: „Wir sind entronnen, damit wir der Welt erzählen, was geschehen ist.“ (Elie Wiesel).

Erinnere dich!

Es ist gut, wenn wir uns erinnern: Gerettet! Gerade noch einmal mit heiler Haut davongekommen. Und dabei einüben, wie wir Gott vertrauen können.

Vielleicht sind uns Menschen jüdischen Glaubens dabei ein Vorbild: Sie erinnern sich und erzählen es weiter.

Was wir da wohl schon unseren Kindern, Enkeln, Nachbarn und Freunden weitererzählt haben? Oder noch könnten?

Nochmal davongekommen! Es kommt dabei nicht allein auf die eigene Kraft an. Das Entscheidende, die rettende Hilfe wird mir geschenkt - samt der Hoffnung:

Das Wunder am Schilfmeer – das Volk Israel wird von den Ägyptern nicht mehr eingeholt – weckt Hoffnung: „Der Gott, der uns aus dem Frondienst in Ägypten gerettet hat, der wird uns auch in Zukunft beistehen …“

… wie Daniel und seinen Freunden, wie David, wie dem Jungen mit dem geplatzten Blinddarm …

Er steh mir bei. Ich kann leben (wie damals, als ich noch ein Kind war und von der Zukunft noch so viel erwartet habe - erinnern Sie sich?), kann gespannt sein, was da noch kommt.

Gott hat noch etwas vor mit mir. Und das ist nun mal ein erhebendes Gefühl.

Viele gute Erinnerungen und Lust davon zu erzählen wünscht Ihnen Pfarrer Ralph Binder

Tagzeitengebete

Die Praxis der Tagzeitengebete stammt ursprünglich aus den Klöstern. Bis zu sieben Mal am Tag unterbrechen Mönche und Nonnen dort ihr Denken und Tun und verbinden sich mit Gott.

Hier findest du einige (Tagzeiten)Gebete, die dich in deinem Alltag begleiten möchten. Wir glauben, dass es gerade in diesen schwierigen Zeiten gut und heilsam ist, unseren Tagen eine Struktur, einen Rhythmus zu geben und uns regelmäßig mit Gott zu verbinden.

Gott und das Coronavirus

Copyright bei The Daily Show

Liebe Gemeinde ...


Es ist das erste Mal, dass ich diese Worte an einem Samstag schreibe, im Wissen, dass ich sie am Sonntag drauf nicht jemandem sagen kann. Es ist schade, dass wir uns zum Gottesdienst nicht sehen und im Anschluss bei einer Tasse Kaffee zusammenstehen können. Aber Rücksicht aufeinander und Vorsicht im Blick auf die Verbreitung des Coronavirus gehen aktuell eben vor.

 

Als ich dieses Bild zum ersten Mal gesehen habe, musste ich lachen. Gott mit Gummihandschuh und Mundschutz bei auf der „Erschaffung Adams“ (Michelangelo, Sixtinische Kapelle). Ja, die Seuche geht um und wir müssen uns entsprechend an- bzw. zurückziehen.


Was dieses Bild schon immer spannend gemacht hat, ist die Lücke zwischen den Fingern Gottes und Adams. Diese Lücke, die nun mit Gummihandschuh und Mundschutz gefühlt noch einmal größer wird. Und der Blick Adams der auf einmal etwas mitleidsuchend wirkt.


„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“

        (Matthäus 11,28)


Dieses Wort Gottes hören wir aus Jesu Mund. Und weil Jesus diesen Satz sagt und wir wissen wie Jesus gelebt hat, hat das nichts mit Gummihandschuhen und Abstand zu tun. Dass im Blick auf uns Menschen als Geschöpfen Gottes ein Abstand zu Gott dem Schöpfer besteht, ist klar. Wir sind nicht Gott, wie wir in diesen Zeiten mit begrenzten Handlungsmöglichkeiten schmerzhaft merken.


Aber wenn Jesus diesen Satz sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“, dann zieht er sich nicht davor die Gummihandschuhe an um mit Sicherheitsabstand am Menschen zu operieren. Nein, Jesus zieht eine dreckige Kinderwindel an, legt schmutzigen Bettlern am Straßenrand die Hände auf und berührt sogar Leprakranke. Jesus macht sich die Hände schmutzig, auch wenn ihn das später das Leben kostet. Gott geht in seiner Liebe zu uns Menschen weit über das hinaus, was unser Verstand für sinnvoll hält.


Für uns ist Abstandhalten wichtig, wir wollen den Tod – auch im Zugehen auf Ostern – nicht unnötig beschleunigen. Aber wenn jetzt der ein oder andere in den kommenden Tagen oder Wochen daheim sitzt und sich so seine Gedanken macht, wie das alles nur werden soll, dann dürfen wir Jesus durchaus beim Wort nehmen mit seiner Einladung: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Ein Gebet braucht nämlich keine Gummihandschuhe.


Und dann hoffe ich und erwarte, dass wir von Gott tatsächlich „erquickt“ werden mit seinem Geist, der uns Zuversicht lehrt, bei aller Vorsicht.


"Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit."

        (2. Timotheus 1,7)