Morgenandachten

  • add Morgenandacht 30. März 2020

    Morgenlicht leuchtet

    Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang.

    Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt.

    Dank für die Lieder, Dank für den Morgen,

    Dank für das Wort, dem beides entspringt.

    Sanft fallen Tropfen, sonnendurchleuchtet.

    So lag auf erstem Gras erster Tau.

    Dank für die Spuren Gottes im Garten,

    grünende Frische, vollkommnes Blau.

    Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen,

    Glanz, der zu mir aus Eden aufbricht!

    Dank überschwänglich, Dank Gott am Morgen!

    Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht.

    (Evangelisches Gesangbuch Nr. 455)

     

    Frühlingsmorgen

    Die Vögel zwitschern heiter ihr Morgenlied. Büsche und Bäume treiben immer neue Blüten. Das Gras schmückt sich mit saftigem Grün. Das Licht ist neugierig und tastet sich immer früher über die Wiesen und durch die Gärten. Es streift über die Dächer der Häuser und lugt in die Fenster. Wenn ich die Augen öffne, empfängt es mich sanft. Manches Dunkel der Nacht verscheucht es aus meinem Kopf und meinem Herz. Anderes weigert sich hartnäckig, mich loszulassen.

    Ich begrüße meine Sorgen und Traurigkeiten.

    Ich wünsche meinen Hoffnungen und Zielen einen guten Morgen.

    Ich strecke meine Hände aus nach dem, was mir noch verborgen ist für diesen Tag und wünsche, es möge Gutes sein.

    Ich danke Gott, dass er mir diesen Tag schenkt – ich kann Neues wagen und Bekanntes nochmal probieren.

    So gehe ich in den Tag.

     

    Was ich dir wünsche!

    Nicht, dass du der schönste Baum bist,

    der auf dieser Erde steht.

     Nicht, dass du jahraus, jahrein

    leuchtest von Blüten an jedem Zweig.

    Aber dass dann und wann

    an irgendeinem Ast eine Blüte aufbricht,

    dass dann und wann etwas Schönes gelingt,

    irgendwann ein Wort der Liebe ein Herz findet,

    das wünsche ich dir.

    Ich wünsche dir,

    dass du dem Himmel nahe bist

    und mit der Erde kräftig verbunden,

    dass deine Wurzeln Wasser finden und deine Zweige im Licht sind.

    Dass du Halt findest an einem festen Stamm

    und die Kraft hast, ein Stamm zu sein für die,

    die du tragen sollst.

    Dass du mit allem, was krumm ist an dir,

     an einem guten Platz leben darfst

    und im Licht des Himmels.

    Dass auch, was nicht gedeihen konnte, gelten darf

    und auch das Knorrige und das Unfertige

    an dir und deinem Werk

    in der Gnade Gottes Schutz finden.

    Hin und wieder eine Stunde wünsche ich dir,

    in der du den Reichtum erkennst, der dir gegeben ist.

    Der gütige Gott, der uns versprochen hat, bei uns zu sein alle Tage

    unseres Lebens und der die Fülle unseres Lebens will

    segne und behüte dich und alle Menschen, die du im Herzen hast.

    Gott, der Vater, Jesus der Sohn und Ruach, die Heilige Geistin. Amen.

    (Jörg Zink)

     

    Pfarrerin Christiane Fröhlich

  • add Morgenandacht 28. März 2020

    Goldspur – Andacht am 28.3.2020 von Pfarrerin Nadja Elbe

     

    Eine Frau. Diese Frau hat die schöne Obstschale in der Hand. Ein Geschenk von der Oma. Damals, als Sie von zu Hause auszog, hat sie die von der Oma bekommen. Gemeinsam waren sie zur Töpferei in der Nachbarschaft gelaufen und sie hatte sich ein Stück aussuchen dürfen. Manchmal vermisst sie ihre Oma ganz arg. Obwohl es doch schon so viele Jahre her ist seit … Na ja. Eigentlich will sie ja gerade abstauben. Und - und noch während sie so denkt gleitet ihr die Schale aus der Hand. Sie sieht sie noch fallen, aber die Hand greift nicht mehr. Der Blick folgt. Zu spät. Sie sieht das Zerspringen auf dem harten Boden wie in Zeitlupe. Da liegt die Schale. In mehrere Teile zerbrochen. Sie weint. Reiß dich zusammen, sagt sie sich. Das ist nur eine Schale. Das ist nicht dein Leben. Nur ein Gegenstand. Aber es war halt die Schale der Oma. Erinnerung.

    Trauer. Und doch stimmt auch das: Es ist nur ein Gegenstand.

    Wie aber, wenn es nicht nur ein Gegenstand ist, der da liegt. Der zerbrochen ist?

    Vor ein paar Jahren bin ich in meinem Kalender der Adventszeit, im „Anderen Advent“, auf folgende „Goldene Spur“ gestoßen: Sie nennt sich ‚Kintsugi‘. Diese Schalen stammen aus Japan. Kintsugi ‚Goldreparatur‘. Es handelt sich um eine traditionelle japanische Reparaturmethode. Der Gedanke ist eigentlich so einfach: Wenn eine wertvolle Keramikschale in Scherben zerbricht, wird sie wieder zusammengefügt. Nicht ohne sichtbare Risse, das wäre ja unmöglich. Die besondere Idee, die liebevolle besondere Umsetzung ist diese: Die Bruchstücke werden nicht nur mit besonderem Kitt und Lack geflickt, sondern auch mit Goldstaub. Ich selbst besitze keine solche Schale, aber die Bilder, die ich mir im Internet ansah, weckten bei mir - selbst auf Distanz - den Eindruck: Welcher Glanz, welche Besonderheit!

     Ja, gerade in den Brüchen besonders kostbar. Das ganze Gefäß ist neu und anders, es glänzt sogar. Iris Macke schreibt im Anderen Advent dazu: „Jede wiederhergestellte Schale zeigt: Ich bin gebrochen, an verschiedenen Stellen. Ich habe vieles überstanden. Es hat Mühe und Zeit gekostet, wieder ganz zu werden, wieder neu gefüllt werden zu können. Aber genau das macht mich einzigartig.“

    Ist dies nicht ein wertvoller Blick auf das Leben? Wie aus dem, was zerbrochen ist, wieder Neues entstehen kann. Nicht „geklebt und repariert“. Sondern: einzigartig. Einzigartig gerade in den Rissen, den Sprüngen. Einzigartig im liebenden Umgang mit diesen Rissen. Scherben, die nicht unter den Teppich des Vergessens gekehrt werden. Sondern Scherben, die in ihrem Wert hochgeachtet werden.

    Und doch: Da mag auch der Widerstand hochsteigen: Moment. Auf diese Einzigartigkeit hätte ich im Leben gerne verzichtet. Einzigartig in der Krankheit, in der Trauer, in der großen Angst?

    Was, wenn da etwas ganz und gar nicht zu heilen vermag? Wenn es sich zu keinem Ganzen fügen will? Denn das gibt es im Leben, viele Menschen werden in diesen Tagen so erschüttert: Dass da Scherben sind, die einfach nichts als Scherben sind. Womöglich weiß ich schon gar nicht mehr recht, welchem Gefäß ich sie zuordnen soll. Vielleicht kann ich keine Kraft für Klebearbeiten aufbringen. Oder es ist in dem Schmerz noch viel zu früh, zu unerträglich, Goldstaub zu streuen und Goldspuren zu zeichnen.

    Was, wenn ein Mensch unter Tränen sagt: Das verheilt nie. Was sagen? Wie schweigen?

    Es gibt diesen Schmerz. Und dass etwas nie, zumindest nie ganz, verheilt.

    Bei Goldspuren und Licht geht es eben nicht um den schnellen Kitt, nicht ums „Scherben-des Lebens-mal-schnell-kitten“.

    Es geht um so viel mehr. Es geht mir um unsere Gemeinschaft. Trost, Fürsorge, Nächstenliebe, Gebet füreinander in Verbundenheit.  

    Und es geht um noch einen, der Kraft unseres Lebens sein will: Gott ist unser Leben nicht gleichgültig. Gott kommt mitten hinein in unser Leben.

    Dein Leben ist wertvoll, einzigartig in den Augen dessen, der dich in diesem Leben wollte! In Jesus ist Gott mitten in diesem Leben. Gott weiß um Leiden und Glück, um Hoffnung und Verratenwerden. Er weiß um unsere Scherben.  Dafür ist er in diese Welt hineingeboren. Dafür ist er gestorben. Das ist die Goldlichtspur des Ostermorgens.

    In unserem Leben ist das oft noch nicht zu spüren. Es ist nicht alles heil. Doch Gott ist da, der heil macht. Auf diese Zusage gehen wir zu. In Der Passionszeit. Jeden Tag.

    Beim Propheten Jesaja heißt es: „Gott, der HERR, wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen“ (Jesaja 25,8). An jedem Tag deines Lebens gilt dir diese Zusage: Gott macht heil. Er sieht die Goldspur deines Lebens. Amen

     

    Ein Gebet:

    Ich lade Sie ein – womöglich sogar mit Kerze, Scherbe und Goldfaden - innezuhalten:

    Scherben: Ich bringe Dir, Gott, meine Scherben. Normalerweise kehre ich Scherben auf. Und dann kommen sie in den Müll. Manche Scherben kehre ich unter den Teppich des Vergessens. Manchmal bin ich sogar froh, wenn eine scheußliche Vase endlich kaputtgegangen ist. Aber da sind auch die Gegenstände, bei denen es weh tut. Wo ich versuche, Scherben zusammenzukleben. Ob es gelingt? Ich kann immer noch sehen, dass da etwas geklebt wurde.

    Ich bringe Dir, Gott, Lebensscherben. Da ging etwas kaputt, was sich einmal ganz und heil anfühlte. Da sind die Scherben im Leben, die kein Glück sind. Die nur Schmerz bedeuten.

    Goldspur: Ich bringe einen goldenen Faden, eine goldene Spur zu Dir, Gott.

    Noch ist es nur eine Ahnung. Eine Ahnung, dass da mehr ist als die Scherben.

    Ich sehe Goldpuren im Leben: in meinem eigenen Leben oder im Leben eines anderen Menschen. Zeit, die wir miteinander geteilt haben: in Worten und Stille. Im Einfach-da-sein. Da ist die Goldspur, nicht alleine gewesen zu sein. Auch jetzt nicht. Auch jetzt sind da Goldspuren der Hoffnung. Ein trostvolles Wort, ein guter Anruf. Eine Therapie, die anschlägt. Die Goldspur neuer geschenkter Lebenszeit. Ein Sonnenstrahl durch das Fenster auf mein Gesicht. Du, Gott, bist da!

    Kerze: Ich bringe das Licht einer Kerze zu Dir, Gott. Allem Dunklen zum Trotz. Ich bringe stellvertretend Licht für andere Menschen. Ich bringe das Licht für alle, die erkrankt waren oder erkrankt sind. Für alle, deren Leben sich dunkel und bedroht anfühlt.

    Ich glaube fest, dass es Dich, Gott, kümmert, wie es uns geht. Dass jede und jeder von uns Dir wichtig ist. Nicht egal. Spüren können wir das nicht immer. Manchmal ist es nur dunkel. Aber ich glaube Dir, wenn du versprichst, auch in den ganz dunklen Momenten da zu sein. Gott, Licht der Welt, erbarme dich! Amen.

     

     

  • add Morgenandacht 27. März 2020

    Friedensgebet von Coventry - Nagelkreuzgemeinschaft

    Entstanden 1940 nach einem Luftangriff und der Zerstörung der Kirche

     

    Alle haben gesündigt und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten. (Römer 3, 23)

    Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,

    Vater, vergib.

    Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr Eigen ist,

    Vater, vergib.

    Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet,

    Vater, vergib.

    Unseren Neid auf das Wohlergehen und Glück der Anderen,

    Vater, vergib.

    Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge,

    Vater, vergib.

    Die Gier, die Frauen, Männer und Kinder entwürdigt und an Leib und Seele missbraucht,

    Vater, vergib.

    Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott,

    Vater, vergib.

    Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus. (Epheser 4, 32)

  • add Morgenandacht 26. März 2020

    Kocherquelle bei Oberkochen, Foto: JD April 2015

    Geh mit Gott!

    Es ist früh am Morgen und still sind noch die Straßen

    Doch dein guter Segen geht schon mit uns!

    Noch ist alles offen, noch ist der Tag verborgen.

    Mit dir will ich gehen, Gott.

    Der Tag bricht an.   (Wo wir dich loben, Nr. 138)

     

    Mit diesem Morgenlied grüße ich Sie herzlich und mit einem Psalmwort, das mir seit langer Zeit viel bedeutet:

     

    „Bei dir ist die Quelle des Lebens,

    und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“        (Psalm 36,10)

     

    Ich liebe diesen Psalmvers. Nicht nur im Frühjahr, wenn draußen die Natur wieder erwacht - wobei sich das alles dieses Jahr irgendwie unwirklich anfühlt. Unbefangene Freude am strahlend blauen Himmel und den Frühjahrsblüten will sich einfach nicht einstellen.

    Ich liebe den Psalmvers vielmehr, weil ich die Quelle vor meinem inneren Auge sehe und das frische Wasser spüre, auf der Haut, in meiner Kehle. Weil er mich auf Gott weist, dem ich mein Leben verdanke, dem alles, was lebt, das Leben verdankt. Auf Gott, bei dem ich den Durst meiner Seele stillen kann. Schließlich erkenne ich in dem Psalmwort auch einen Hinweis auf das Licht des Ostermorgens.

    Heute schwingt für mich in dem Vers auch ein Stück Trotz mit: „Bei dir, Gott, ist doch die Quelle des Lebens. Daran will ich festhalten. Zeig es, Gott, lass es spüren! Vor allem die, die krank sind, die Angst haben um ihr Leben und um das ihrer Lieben.“

    Zugleich erinnert er mich an das, worauf es gerade in diesen Zeiten vor allem ankommt. Dass ich die Quelle des Lebens suche und aufsuche, die Verbindung zu Gott halte, so gut ich es kann, und immer wieder aufs Neue suche. Dass ich den Durst meiner Seele bei ihm stille.

    Mit meinem Klagen und Fragen, mit meiner Freude am Leben trotz allem, mit meiner Sehnsucht nach Begegnung, nach Gemeinschaft - mit all dem komme ich zu Gott. Zu ihm bete ich. Auf ihn hoffe ich - auf das Licht des Ostermorgens nach der ernsten Passionszeit. Auf ihn will ich hören. Mit ihm gehe ich meinen Weg - in diesen Tagen wie in denen, die kommen.

     

    Geh mit Gott!

    Es ist früh am Morgen und still sind noch die Straßen

    Doch dein guter Segen geht schon mit uns!

    Noch ist alles offen, noch ist der Tag verborgen.

    Mit dir will ich gehen, Gott.

    Der Tag bricht an.

     

    Seien Sie herzlich gegrüßt,

    Ihr Pfarrer Jörg Dinger

  • add Morgenandacht 25. März 2020

    Veronika - nur ein Abdruck?!

    In der katholischen Tradition gibt es den Kreuzweg. Man geht den Leidensweg Christi nach und bedenkt verschiednee Stationen auf seinem Weg zum Kreuz. Eine davon ist die Station, in der Veronika Jesus mit ihrem Tuch den Schweiß abwischt. Der Legende nach ist das Gesicht Jesu auf dem Abdruck des Tuches erhalten geblieben.

    Der Künstler Walter Habdank hat einen Holzschnitt gemacht, auf dem das Gesicht Jesu als Abdruck auf dem Tuch zu sehen ist.

    Es ist ein gemartertes Gesicht. Auf dem Kopf eine Krone aus Dornen. Müde und hoffnungslos schauen die dunklen Augen. Der Mund wird sich nie wieder zu einem Lächeln verziehen. Er wird sich nur noch öffnen, um zu vergeben. Um zu versprechen. Und um die Verzweiflung herauszuschreien.

    Auf dem Weg nach Golgatha schaut dieses Gesicht in die Gesichter vieler Menschen:

    Menschen, die es verspotten;

    Menschen, die erleichtert sind, nicht selbst das Kreuz tragen zu müssen;

    Menschen, die sich fürchten;

    Menschen, die froh sind, dass dieser Mann, der nur Unruhe gebracht hat, endlich kein Unwesen mehr treiben kann;

    Menschen, die traurig und verzweifelt zusehen müssen, wie der, von dem sie alles erhofft hatten, hilflos und zerbrochen mit letzter Kraft sein Kreuz schleppt.

    Menschen, die neugierig sind auf das Leid eines anderen;

    Menschen, denen es das Herz bricht, als Jesus stolpert und das Gewicht des Folterinstruments nicht mehr halten kann.

    Da, plötzlich, so erzählt die Legende vom Kreuzweg Jesu, löst sich eine Frau aus der Menge. Sie hält ein Tuch in den Händen. Ohne auf die empörten oder erschrockenen Blicke der Menge zu achten, nimmt sie das Tuch und trocknet Jesus vorsichtig den Schweiß von seinem zerstörten Gesicht.

    Mit einer einfachen Geste zeigt sie ihm: Du bist nicht allein, ich stehe dir zur Seite. Hier sind Menschen, die mit dir leiden, die um dich trauern, die dich begleiten. Auch in der Einsamkeit des Todes.

    Und ein Wunder geschieht: Ein Abdruck des Gesichts Jesu bleibt haften auf dem Schweißtuch der Veronika. Das Antlitz Jesu spiegelt sich in dieser einfachen, zärtlichen Geste, mit der die Frau ihm über das Gesicht streicht. Jesus hat dem Tuch seinen Stempel aufgedrückt. Es ist nicht mehr nur ein einfaches Schweißtuch, sondern ein Abbild Jesu Christi. Vera Ikon.

    Ein Abdruck. Nicht viel. Und doch alles. Alles was wir haben. Wir haben nicht mehr als einen Abdruck Jesu in der Welt. Aber dieser Abdruck vergeht nicht. Er löst sich nicht auf, wie es manchmal der Fall ist, wenn nach dem Schlaf auf der Haut das Muster des Kissens zu erkennen ist. Der Abdruck Jesu in der Welt kann nicht mehr verwischt werden. Jesus hat ihr seinen Stempel aufgedrückt.

    So kann ich dem Abdruck seines Lebens, Jesu Spuren folgen. Es gibt das Testament seines Redens und Handelns. Es gibt die Geschichten, die über ihn erzählen, über sein Leben, über sein Sterben und über seine Auferstehung. Es gibt das Abendmahl, es gibt das Vaterunser.

    Und es gibt einen Auftrag: Der Name Veronika – „vera ikon“ – bedeutet „wahres Antlitz“. Durch das Handeln dieser Frau zeigt sich das Gesicht Jesu. In der liebevollen Zuwendung zu dem, der leidet, wird sein Antlitz offenbar. Dort, wo Menschen sich einander zuwenden, sich helfen und füreinander da sind, erscheint ein Abdruck Jesu in der Welt. Vielleicht nicht so wunderbar und so legendär wie in der Erzählung von Veronikas Schweißtuch, aber ganz greifbar und nah. In solchen Momenten triumphiert schon jetzt das Leben über den Tod. Leuchtet ein Licht aus der Ewigkeit in meinem Leben auf. Hinterlässt das Gesicht Jesu sein Abbild in der Welt.

    Der Abdruck Jesu in der Welt hinterlässt tiefe Spuren der Hoffnung und des Lebens. Weil er das größte aller Versprechen verheißt: Dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern dass am Ende von allem das Leben steht.

     

    Gebet mit dem Lied: Du bist der Atem der Ewigkeit („Wo wir dich loben“ Nr. 23)

    Du bist der Atem der Ewigkeit. Du bist der Weg in die neue Zeit. Du bist das Leben, Gott.

    Ewiger Gott,
    du hast uns geschaffen und uns deinen Atem eingehaucht. In Jesus Christus, deinem Sohn, zeigst du uns den Weg deiner Liebe. Führe und begleite uns auf dem Weg zu dir in deine neue Zeit. Stärke uns in deiner Gemeinschaft.

    Du bist die Klage und Angst und Not. Du bist die Kraft, unser täglich Brot. Du bist das Leben, Gott.

    Unser Gott,
    unsere Welt dürstet nach Heil. Nach Frieden und Gerechtigkeit. Menschen haben Angst, Menschen leiden unter Krankheit, Menschen sind einsam. Sieh du uns und deine Welt an mit deinem Blick und schenke uns Hoffnung auf dein Reich.

    Du bist das Ohr, das die Zukunft hört, du bist der Schrei, der die Ruhe stört. Du bist das Leben, Gott.

    Großer Gott,
    du hörst uns und unserer Klagen. Schenke uns offene Ohren für dich. Dein Schrei am Kreuz ist auch heute noch überall zu hören auf der Welt. Lass uns nicht in unserer Ruhe verharren und fülle uns immer wieder neu mit dem Vertrauen darauf, dass du uns erlöst hast.

    Du bist die Hand, die uns schützend nimmt. Du bist das Korn, das dem Tod entspringt. Du bist das Leben, Gott.

    Vater unser im Himmel…

     

    Pfarrerin Henrike Frey-Anthes

  • add Morgenandacht 24. März 2020

    Unbekannte Wege können reizvoll sein. Der Dichter Robert Frost hat einmal gesagt:

    “Im Wald zwei Wege boten sich mir dar

    und ich ging den, der weniger betreten war.

    Und das veränderte mein Leben!”

    Ja, wer weiß, was mich auf so einem Pfad erwartet: Eine Herausforderung, die mir zeigt, welche Kräfte in mir schlummern? Neue Gemeinschafts-Erlebnisse? Lerne ich mich und andere von einer neuen Seite kennen?  - Unbekannte Wege können reizvoll sein, sie können aber auch Angst machen: Welche Gefahren lauern da auf der Strecke? Vielleicht ist der Weg zu weit für mich und ich bin den Anforderungen, die er an mich stellt, nicht gewachsen?!

    Ich muss in den letzten Tagen immer wieder an meinen Aufenthalt in der französischen Stadt Chartres denken. Ich war dort einmal mit einer ökumenischen Studiengruppe. Eine Woche lang haben wir unter kundiger Führung die Kathedrale kennen gelernt. Jeden Tag eine neue Seite an ihr, angefangen von der Krypta bis zur Umgehung auf dem Dach. Das eindrücklichste Erlebnis für mich war es, das Labyrinth, das mit weißen Steinen und schwarzblauen Marmorstreifen in den Fußboden der Kirche eingelegt ist, zu durchschreiten.

    Sie können den Anfang auf dem Bild oben einmal mit dem Finger nachfahren: Der Start ist bei der Öffnung am unteren Rand. Zuerst geht’s geradeaus Richtung Mitte. Doch dann kommt schon der erste Umweg. Nach einem kleinen Schlenker sind wir aber wieder auf Kurs. Und man könnte denken: Jetzt bin ich fast am Ziel! Aber – so ist es nicht: Der Weg führt wieder von der Mitte weg. Und dann kommt eine schier endlose Strecke mit vielen Windungen, Biegungen und Richtungsänderungen. Und wenn man das Labyrinth wirklich durchläuft, dann verliert man zwischendurch völlig die Orientierung: Bin ich jetzt dicht am Ziel dran – oder liegt noch eine weite Strecke vor mir? 28 Mal macht der Weg eine Kurve

    und nötigt mich, die eingeschlagene Richtung zu ändern. Daran denke ich in diesen Tagen: Das Leben ist unüberschaubarer geworden. Unsere Pläne, unsere Ziele, die wir uns gesteckt haben, müssen ständig neu korrigiert werden. Diese Erfahrung von Kontrollverlust ist neu in unserem Land. Vieles ist schmerzhaft. Das verbindet uns mit den Menschen früherer Generationen, die solche Erfahrungen wohl immer wieder auch machen mussten. In das Labyrinth von Chartres wurde ein Kreuz eingezeichnet. Es wird gebildet durch die dunklen Stellen, an denen sich die Kehren begegnen. Damit wurde den Menschen früher und wird uns heute gesagt: „Du gehst deinen Weg in dieser Welt nicht allein. Jesus Christus ist mit dir unterwegs. Von seiner Nähe geht Kraft aus. Und er kann dich inmitten aller Unsicherheit immer wieder eine innere Ruhe spüren lassen.“ – Das Labyrinth ist kein Irrgarten. Es gibt keine ausweglosen Sackgassen. Der Weg führt ans Ziel. Und er hat eine Mitte. Diese Mitte des Ganzen ist als sechsblättrige Blüte gestaltet. Auch das ist ein Symbol für Christus. So fragt mich das Labyrinth: „Was ist deine Mitte? Was bestimmt deine Gedanken? Woraus entscheidest und handelst du?“  Und es lädt mich ein: „Lass dein Denken um Jesus kreisen. Vertiefe dich in seine Worte und in sein Leben. Halte ihm hin, was dich heute umtreibt. Und versuche bei dem, was du tust, dich von ihm leiten zu lassen.“

     

    Ich berge mich mit allem,

    was mein Leben ausmacht,

    in deiner Liebe, Christus,

    die mich zum Leben ruft und begleitet.

    Segne meinen Weg

    und lass mich auch für andere

    zum Segen werden.

    Amen

    (nach einem Segensgebet aus dem 4. Jahrhundert)

     

    Pfarrer Wolfgang Wilhelm, Forchtenberg

     

     

  • add Morgenandacht 23. März 2020

    Guten Morgen!

    Neulich stand in meinem Andachtsbuch folgendes Zwiegespräch:

    Eines Morgens liegt die Zeitung neben der Bibel.

    Die beiden unterhalten sich.

    „Hallo, liebe Nachbarin,“ sagt die Bibel, „du hast wieder viele Nachrichten für die Menschen. Sag mal, warum gelten bei dir die schlechten Nachrichten meist als gute Nachrichten?“

    Schlagfertig antwortet die Zeitung: „Ha, und warum kommen deine guten Nachrichten bei so vielen Leuten schlecht an?“

    „Nun antworte zuerst mal auf meine Frage,“ sagte die Bibel „ Jeder weiß doch,  du wirst umso mehr gelesen, je mehr du von Skandalen und Horrormeldungen berichtest.“

    Nachdenklich antwortet die Zeitung: „Ich vermute, schlechte Nachrichten geben meinen Lesern das Gefühl, ganz so schlecht bin ich eben doch nicht.“

    „Viele haben es offenbar schwer, sich richtig gut zu fühlen,“ antwortet die Bibel.

    Darauf die Zeitung prompt: „Genau das ist doch deine Aufgabe! Willst du den Menschen nicht gerne helfen, mit sich selber und dem Leben besser fertig zu werden?“

    „Ich fürchte nur“, meinte die Bibel flüsternd“, viele legen mich zur Seite, weil sie Angst haben, durch mich schlecht gemacht zu werden. Du weißt schon, Sünde und so.“

     Vorsichtig fragt die Zeitung zurück: „Wenn ich mich nicht irre, ist der rote Faden bei dir doch die Freude und die Hoffnung und die Liebe?“

    Da stimmt die Bibel zu: „Ja, nur vergessen das viele! Übrigens, wie wär’s, wenn du ein wenig mithelfen würdest, dass meine guten Nachrichten bei den Leuten besser ankommen?“

    Da lacht die Zeitung.

     

    Ja, die Zeitung hat gut lachen – schlimme Nachrichten gibt es grade zuhauf. Die Corona -Krise lässt uns nicht zur Ruhe kommen.

    Da tut es gut, etwas Beständiges zu haben – die Bibel, Gottes ewiges Wort gibt Trost und Hoffnung. Gerade in diesen Zeiten!

    Hat Gott nicht seinen eigenen Sohn gesandt, dass die Menschen gerettet werden?

    Gottes Liebe macht uns Menschen stark, und das ist ein gutes Gefühl. Was auch geschieht, Gott geht mit. Jesus ist für uns gestorben und auferstanden -daran denken wir gerade jetzt in der Passionszeit.

    Unsere Schwestern und Brüder in Kamerun, die nun auch unter der Coronakrise leiden, sagen mit unerschütterlichem Glauben : „God has the better plan!“ Gott hat den besseren Plan.

    Vielleicht sollten wir doch mehr in der Bibel lesen, Gottes Wege sind ganz anders als wir denken. Viele Geschichten erzählen davon. Ihm dürfen wir vertrauen, und unsere Sorgen und Nöte vor ihn bringen.

    Wie heißt es im Vater unser:

    .. denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit Amen.  


    Stefanie Feiler, Prädikantin

     

     

     

     

     

  • add Morgenandacht 21. März 2020

    Ich zünde eine Kerze an.

    Vertraute Zeilen, eine Melodie kommt mir in den Sinn.

    Du Licht des Morgens. Halleluja.
    Du Anfang und Ende. Halleluja.
    Du Anfang und Ende der Zeit. Halleluja.

    Es ist kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht. Eine Woche ist es bereits her, dass wir angefangen haben, in Pfedelbach Andachten, Videos und Informationen über eine Gemeinde-WhatsApp-Gruppe zu verschicken. Von einigen habe ich gehört, wie gut es tut, in diesen Tagen in Gebet und Geist miteinander verbunden zu sein.

    Du Glanz des Tages. Halleluja.
    Du Licht unsrer Wege. Halleluja.
    Du Anfang und Ende der Zeit. Halleluja.

    Es ist kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht. Kaum zu glauben, wie viel in dieser einen Woche geschehen ist. Wie sich auch die Rhetorik gewandelt hat. Wie in Frankreich plötzlich vom Krieg gegen einen unsichtbaren Feind gesprochen wird.
    Wie anders sind da die Worte, die uns die heutige Tageslosung mit auf den Weg gibt:
    Ich will Frieden geben in eurem Lande,
    dass ihr schlaft und euch niemand aufschrecke. (3. Mose 26, 6)
    Den Wunsch nach solch einem Frieden, vor allem innerlich, können vermutlich viele gerade nachempfinden. Es ist unheimlich anstrengend, mit den vielen Unsicherheiten und auch Einschränkungen der aktuellen Situation umzugehen.
    Und gleichzeitig ist es erstaunlich und ermutigend zu erleben, wie solidarisch sich viele Menschen verhalten. Rücksicht nehmen, Abstand halten, einander helfen und unterstützen. Vor allem diese Menschen und Situationen möchte ich am Beginn dieses Tages im Blick behalten.

    Du Schöpfer des Lebens Halleluja.
    Du Quelle der Freude. Halleluja.
    Du unvergängliches Licht. Halleluja.

    Und dann ist da nicht zuletzt noch Gott, der mitgeht, auch in diesen Tag. Der zugesagt hat, uns Menschen zu begleiten. Der uns Frieden schenkt und für mich Quelle der Kraft und Hoffnung ist. Ihm kann ich alles anvertrauen, das schwere, was mich anstrengt, und das leichte, was mich freut und ermutigt.
    Uns so kann ich getrost meinen Tag starten, wie unzählige Menschen vor mir, die erfahren haben: Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
    wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. (Phil 4, 7)

    Du Schöpfer der Erde. Halleluja.
    Erhalter des Lebens. Halleluja.
    Du naher barmherziger Gott. Halleluja.

    Amen.

    (Liedtext: Jörg Zink. Melodie: Hans-Jürgen Hufeisen.)

    P.S. Wer das Lied einmal hören möchte, hier ist die Aufnahme einer weiteren Strophe zu finden: https://www.youtube.com/watch?v=JiQGmutRLoU

     

    Pfr. David Mayer

     

     

     

     

     

  • add Morgenandacht 20. März 2020

    Foto: Roland Hartz, Zweiflingen

    Guten Morgen,

    haben Sie gut geschlafen? Sind Sie schon fit und munter – oder hängt Ihnen der Schlaf noch etwas nach? Wie auch immer – ich möchte Sie gerne mit einem alten Morgenlied wecken – Christian Knorr von Rosenroth hat es vor mehr als 300 Jahren gedichtet – vielleicht kennen Sie es?

                                                                          

    Morgenglanz der Ewigkeit,

    Licht vom unerschaffnen Lichte,

    schick uns diese Morgenzeit

    deine Strahlen zu Gesichte

    und vertreib durch deine Macht

    unsre Nacht.

     

    Deiner Güte Morgentau

    fall auf unser matt Gewissen;

    lass die dürre Lebens-Au

    lauter süßen Trost genießen

    und erquick uns, deine Schar,

    immerdar.

     

     Leucht uns selbst in jener Welt,

    du verklärte Gnadensonne;

    führ uns durch das Tränenfeld

    in das Land der süßen Wonne,

    da die Lust, die uns erhöht,

    nie vergeht.

    EG 450,1-2+5

     

    Erquickt den Tag beginnen. Begleitet von Gottes Güte. Die Wege, die vor einem liegen: hell im Licht der Gnadensonne. So behütet und bewahrt in den neuen Tag gehen – das wär` doch mal was!

     

    Ja, schön wär` das schon – aber: Ist es nicht albern, so zu sprechen? Das ist doch mehr Kinderglaube, naiv und überhaupt, ich muss doch bitten, etwas unzeitgemäß!

     

    Warum eigentlich? Wegen eigener Erfahrung? Weil so viel Anderes die Welt beherrscht? Nachrichten von Krieg, Gewalt, Angst und Leid – und natürlich von Corona und jetzt dazu auch noch von Wirtschaftskrise? Zugegeben: Selbst wer geübt ist im Zwischen-den-Zeilen-Lesen – Gnade und Güte sucht man in den Nachrichten meist vergeblich. Das wird wohl auch heute Morgen leider wieder nicht viel anders sein, wenn Sie einen Blick in die Morgenzeitung werfen …

     

    Nein, Glaube bewahrt uns nicht vor dem Leid in der Welt und auch nicht vor persönlichem Schicksal. Auch ein getauftes Kind wird einmal hinfallen und sich das Knie aufschlagen. Auch ein auf Gott vertrauender Mensch hat mitunter schwere oder gar schwerste Wege zu gehen. Pfarrer Dietrich Bonhoeffer hat im Tränenfeld, das die Nationalsozialisten der Welt bereitet haben, und im Dunkel des Konzentrationslagers, in das er geworfen wurde, Gottes Licht nicht aus den Augen verloren. Er konnte so seine Mitgefangenen in dem Vertrauen trösten, dass er und sie alle von guten Mächten wunderbar geborgen seien – wohl wissend, dass die Nationalsozialisten sein eigenes Todesurteil bereits längst unterzeichnet hatten.

     

    Nein, der Glaube bewahrt uns nicht vor dem Leid in der Welt. Aber er schenkt Gelassenheit, Trost, Kraft zum Handeln oder zum Aushalten – und weist Wege, das Schwere zu überwinden oder mit dem Schweren sein zu können.

     

    Und Corona? Neue Nachrichten darüber werden uns sicher auch im Lauf des neuen Tages erreichen. Es gibt Zeiten, in denen ein Gebet besonders hilfreich ist und gut tut – für die Seele und für die Welt. Die Zeiten von Corona sind sicher solche Zeiten.
    Vielleicht gelingt es – und wir können alles, was uns beschwert und Angst macht vertrauend in Gottes Hand legen. Vielleicht können wir heute morgen dann auch, um mit Worten von Pfarrer Dietrich Bonhoeffer zu sprechen, ganz getrost erwarten, was da kommen mag – da Gott bei uns ist am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

     

    Rechnen Sie mit Gottes Hilfe und Kraft! Es wird Ihnen gut tun – und das übrigens nicht nur in Zeiten von Corona und Wirtschaftskrise!

     

    Ich wünsche Ihnen einen guten Tag –

    kommen sie gut und behütet hindurch!

    Pfarrer Markus Laidig

     

     

    Gebet am Morgen:

     

     

    Führe mich, o Herr, und leite

    meinen Gang nach deinem Wort;

    sei und bleibe du auch heute

    mein Beschützer und mein Hort.

    Nirgends als von dir allein

    kann ich recht bewahret sein.

    EG 445,5

     

     

     

     

     

     

  • add Morgenandacht 19. März 2020

    Leichtsinn

    Leichtsinn ... ich mag dieses Wort.

    Für manche ist Leichtsinn im Winter ohne Schal rausgehen, auf einen hohen Baum klettern, sich mitten in die Mittagssonne legen. Oder alle Empfehlungen in den Wind zu schlagen und eben keinen Abstand zu anderen zu halten. Leichtsinn ist dann ein Vorwurf. Ohne Schal kann man eine Erkältung bekommen. Von einem Baum kann man runterfallen und sich zum Beispiel Knochen brechen. In der Mittagssonne ist das Risiko hoch, sich einen Sonnenbrand zu holen. Ja, Leichtsinn kann unverantwortlich sein und üble Konsequenzen haben – zurzeit können sie auch lebensgefährlich sein.

    Leichtsinn möchte ich trotzdem nicht aufgeben. Leichtsinn ist nämlich auch: leichten Sinnes sein, Hoffnung haben und Zuversicht. Das ist jetzt gar nicht so leicht.  Meldungen trudeln ein, dass immer mehr Menschen infiziert sind und der Virus immer näherkommt – mittlerweile ist er bei Nachbarn, Freunden und Bekannten angekommen. Ich sorge mich um Menschen, die mir lieb sind und die ich kenne, um diejenigen, die ich nicht kenne und von denen ich nur ahnen kann, und ehrlicherweise sorge ich mich auch um mich selbst.

    Leichtsinn haben, leichten Sinnes sein möchte ich aber gerade auch jetzt: Mir die Sonne durchs geöffnete Fenster auf die Nase scheinen lassen. Vom Balkon aus die Osterglocken bewundern, die sich fast trotzig weit nach oben recken und davon künden, dass Vergänglichkeit und Auferstehungsfreude zusammengehören. Den Vögeln lauschen, die unbeirrt ihr Lied vom Leben singen. Ich möchte leichtsinnig sein und die Angst unterm Kinn kitzeln. Den Morgen respektvoll begrüßen. Die Sonne durch trübe Gedanken scheinen lassen. Anderen Menschen am Telefon nah sein. Ich möchte sammeln, was ich gerade jetzt im Moment gut finde und wofür ich dankbar bin. Lieder singen oder lesen. Einfach mal allein und vielleicht grundlos herzhaft lachen – nach der Überwindung, anzufangen, lacht es sich leichter; versprochen. Mein schweres Herz und meinen sorgenvollen Kopf lüfte ich mit guten Worten, die Mut machen und von denen meine Hoffnung und Zuversicht sich nähren können.

    „Fürchte dich nicht!“ ist so ein gutes Wort. Und: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

    Welche fallen Ihnen ein?

    Amen.

     

    In dir ist Freude, in allem Leide, o du süßer Jesu Christ!

    Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist;

    Hilfest von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertauet, hat wohl gebaut, wird ewig bleiben. Halleluja.

    Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben; nichts kann uns scheiden. Halleluja.    

    (Evangelisches Gesangbuch Nr. 398)

     

    Pfarrerin Christiane Fröhlich

     

     

     

     

     

  • add Morgenandacht 18. März 2020

    Haben Sie schon gut gefrühstückt heute Morgen- mit Erdbeermarmeladenbrot oder Müsli, frischem Obst?  Ein Morgen ohne Frühstück- für mich nur schwer vorstellbar.

    Andere Menschen verzichten dauernd- oder wenigstens für einige Zeit- auf das Frühstück, weil sie morgens Zeit sparen wollen, ein paar Kilos loswerden wollen (Intervallfasten) oder einfach noch keinen Hunger haben- alles o.k.

    Und es gibt auch Menschen, die haben einfach keinen Appetit, selbst wenn das Essen vor ihnen steht oder ans Bett gebracht wird. Das ist auf Dauer nicht gut. Bei älteren Menschen kommt das leider öfters vor- aber nicht nur bei ihnen: Krankheit, Tabletten, ein Schicksalsschlag, Unverträglichkeiten, die Eintönigkeit oder Einsamkeit können einem den Appetit verderben.

    Manchmal hilft dann gutes Zureden der Enkel: „Ach, Oma, iss doch was“. Oder wenn die Speise besonders schön auf dem Teller zubereitet wird. Oder an die Vernunft zu appellieren („Du musst essen, sonst kannst du die Tabletten nicht nehmen“). Oder dem Kind ein Ziel vor Augen malen: „Du willst doch bald wieder gesund werden und draußen spielen“. Manchmal hilft aber auch gar nichts.

    Vielleicht haben Sie aber auch selbst schon die Erfahrung gemacht, wie appetitanregend und betörend es ist, wenn z.B. der Duft von frisch gebackenem Hefezopf durchs Haus zieht- einfach herrlich. Da läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen. Da freue ich mich (noch mehr als sonst) auf das Frühstück am nächsten Tag. Denn meine Erinnerung wird wach, wie gut das geschmeckt hat- schon in der Vergangenheit. Und bestimmt auch diesmal wieder.

    Im Losungsbüchle steht für heute ein Satz, durch den wir erinnert werden an zurückliegende gute Erfahrungen: „Ihr habt geschmeckt, wie freundlich der Herr ist“- so steht es in 1.Pt 2,3.

    Das klingt für manche zuerst vielleicht seltsam: Glaube und wohliger Geschmack in einem Atemzug. Aber der Vergleich ist anregend. Viele haben keinen Appetit (mehr) auf Bibel, Glaube, Kirche. Doch wer schon mal “geschmeckt hat, wie freundlich der Herr ist“, kann auch wieder auf den Geschmack kommen.  Wenn beispielsweise die Erinnerungen an unsere guten (Glaubens-) Erfahrungen aufgefrischt werden. Denn wie leicht vergessen wir, was wir schon Gutes von Gott empfangen haben: ein Bibelwort, das gerade voll zu mir passt, eine Liedstrophe, die mich wieder zum Singen bringt, ein gutes Wort von einem Bekannten, den ich (zufällig?) mal wieder treffe, und wie wir dadurch wieder neue Kraft bekommen haben, wieder auf die Beine gekommen sind. Wenn wir uns daran erinnern, dann ist es gut möglich, dass wir Lust bekommen, Gottes Freundlichkeit bald wieder zu schmecken. Und deshalb Augen, Ohren, ja alle Sinne mobilisieren, um wieder von diesem Guten zu schmecken.

    Im 1. Petrusbrief wird uns übrigens auch vorgeschlagen, dass wir nach Gottes Wort und Freundlichkeit so begierig sein sollen wie neugeborene Kinder nach der Muttermilch. Ein schönes Bild, finde ich.

    „Ihr habt geschmeckt, wie freundlich der Herr ist“. Vielleicht wissen Sie das längst. Oder Sie brauchen jemanden, der Ihre Erinnerung daran auffrischt. Oder Ihnen fällt spontan jemand ein, der Ihre Unterstützung dazu brauchen könnte?

     

     

    Wir strecken uns nach dir, in dir wohnt die Lebendigkeit. Wir trauen uns zu dir, in dir wohnt die Barmherzigkeit. Du bist, wie du bist, schön sind deine Namen. Halleluja, Amen. Halleluja, Amen. (Im Liederbuch „wo wir dich loben wachsen neue Lieder“ Nr. 90,1)

     

    Pfarrerin Brigitte Ebert, Adolzfurt

     

     

     

     

     

     

  • add Morgenandacht 17. März 2020

    Wenn du mich anblickst, werd‘ ich schön

    Ich bete gerne. Ich stelle mir vor, ich trete ein in einen Raum und da ist niemand außer mir und Gott. Er ist da und sieht mich an: freundlich, liebevoll, sehnsuchtsvoll.

    Sein Blick ist gütig und sagt mir: „Siehe, mein Freund, du bist schön.“ Worte aus dem Hohenlied der Liebe (1,16)

    Und ich sehe Gott an mit Augen, die verraten: „Siehe, meine Freundin, du bist schön.“

    Im Gebet kommen wir zusammen, Gott und ich. Ganz nah. Gerade so, wie die Liebenden in den Texten des Hohenliedes der Liebe es tun.

    Wir haben einander lieb und wir sehnen uns nach dem anderen – ich nach Gott und er nach mir.

    In diesem „Gebetsraum“ spüre ich den gütigen Blick Gottes auf mir.

    Ich rücke mich ins „rechte Licht“: Ich kann sein, wie ich gerade bin, fröhlich, hoffnungslos, wütend … , und Gottes Angesicht „leuchtet“ (wie in der Segensbitte „Er lasse sein Angesicht leuchten über dir."). und dann „werd‘ ich schön …

    Gott sieht mich an wie Eltern am Bett ihres Kindes stehen und ihr Angesicht „leuchtet“, weil da ihr Kind ist – wunderschön - und weil sie es lieb haben und sich nach diesem Kind sehnen … und danach, dass vielleicht auch das Angesicht des Kindes zu leuchten beginnt.

    „Siehe, mein Freund, schön bist du!“

    „Siehe, mein Gott, schön bist du!“

    Deshalb bete ich gerne. Deshalb sehnt sich Gott danach, dass ich eintrete im Gebet in seine gute Stube – mit all dem, was ich mitgebracht habe: meiner Freude, meiner Klage, meinen Sorgen – wie jetzt, wo ich auch nicht so recht weiß, wie es weitergeht, damit wir gesund bleiben und werden und es wieder gut wird. Amen.

    Gebet

    Ewiger,

    heiliger,

    geheimnisreicher Gott.

     

    Ich komme zu dir.

    Ich möchte dich hören,

    dir antworten.

     

    Vertrauen möchte ich dir

    und dich lieben,

    dich und alle deine Geschöpfe.

     

    Dir in die Hände

    lege ich Sorge,

    Zweifel und Angst.

     

    Ich bringe keinen Glauben

    und habe keinen Frieden.

    Nimm mich auf!

     

    Sei bei mir,

    damit ich bei dir bin,

    Tag um Tag.

     

    Führe mich,

    damit ich dich finde

    und deine Barmherzigkeit.

     

    Dir will ich gehören,

    dir will ich danken,

    dich will ich rühmen,

     

    Herr, mein Gott.

     

    Von Jörg Zink

     

    Pfarrer Ralph Binder

     

     

     

     

     

  • add Morgenandacht 16. März 2020

    Weise mir Herr deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit

     

    Psalm 86,11

     

    Das hätte mein Weg sein können heute. Seit langem war eine Familienwanderung geplant.

    Das Wetter wäre perfekt gewesen. Strahlend blauer Himmel nach vielen trüben Tagen.

    Wäre da nicht die „Häusliche Quarantäne“ dazwischengekommen.

    Es war ein schöner Gedanke mit der ganzen Familie zu wandern.

    Aber gerne bleibe ich zuhause, wenn dadurch vermieden werden kann, dass andere Menschen angesteckt werden könnten.

    Nicht selten sehen unsere Wege im Leben anders aus, als wir es planen.

    Weise mir Herr deinen Weg! So heißt eine uralte Bitte.

    Es ist nicht einfach diesen Weg zu finden. Wir alle spüren, wie schwierig es ist, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Entscheidung, soziale Kontakte zu meiden ist das Gegenteil dessen, was uns als Gemeinde ein Herzensanliegen ist. Welche Entscheidungen sind richtig, welche Möglichkeiten haben wir verpasst?

    Wir werden unsere Wege Schritt für Schritt gehen und hoffen, dass wir Gottes richtungsweisenden Zeichen wahrnehmen

     

    Weise mir Herr deinen Weg,

    dass ich wandle in deiner Wahrheit.

    Erfreue die Seele deines Knechts;

    denn nach dir, Herr, verlangt mich.

    Denn du, Herr, bist gut und gnädig,

    von großer Güte allen, die dich anrufen.

    (aus Psalm 86)

     

    Ich möchte Gottes Güte entdecken auf diesem Weg, den wir uns alle nicht ausgesucht haben,

    Ich möchte Gottes Güte entdecken in Solidarität mit den Kranken, mit denen, die in Angst und Sorge leben, mit denen, die Entscheidungen treffen müssen, mit denen, die im Gesundheitswesen arbeiten. Lassen Sie uns Gott anrufen, der an seiner und mit seiner Welt leidet und erfahrbar wird in den Augenblicken seiner Güte.

     

    Ich öffne das Fenster, rieche die Sonne und höre die Vögel zwitschern.

     

    Dekanin Sabine Waldmann