Gottesdienste in unserer Gemeinde

"Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene" (Matthäus 20,28).

In diesem Sinn ist der Gottesdienst ein Dienst Gottes an uns, um uns gut zu tun.

Lesegottesdienst zum Sonntag Judika, 29. März 2020 - Pfarrer Jörg Dinger

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Seien Sie herzlich willkommen am Sonntag Judika. Früher war es der „klassische“ Konfirmationssonntag. In Öhringen hätten wir heute Jubiläumskonfirmation gefeiert. Die ist - wie die Konfirmationen im Mai - erst einmal verschoben. So rückt anstelle des Feierns heute das ernste Gedenken in den Blick und die leidenschaftliche Bitte an Gott, er möge uns hören. „Judica“ - „Gott, schaffe mir Recht“ (Psalm 43,1). Gott, schaffe uns Recht. Bring uns und unsere Welt zurecht.

Gebet (nach Psalm 43)

Schaffe uns Recht, Gott! Bring uns zurecht!

Alle, die voller Angst sind.

Die immer noch Sorglosen.

Die mit der Krise Geschäfte machen wollen.

Alle, die jetzt krank und schwer krank sind.

Alle, die helfen bis über die Grenzen ihrer Kraft

und schwer tragen an ihrer Verantwortung.

Warum müssen wir so traurig gehen?

Sende dein Licht und deine Wahrheit,

dass sie uns leiten.

Was betrübst du dich, meine Seele,

und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,

dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Amen.

 

Lied EG 97,1-3         Holz auf Jesu Schulter

 

Predigttext (Hebräer 13,12-14)

Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

1.    Nichts bleibt, wie es war.

„So vergeht Jahr um Jahr, und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war.“ Manche von uns werden sich erinnern an das Lied „Heute hier, morgen dort“. Immer auf dem Sprung, nirgendwo zuhause. Trotzdem die leise Sehnsucht: „Vielleicht bleibt mein Gesicht doch dem einen oder andern im Sinn.“

„Nichts bleibt, wie es war.“ Ja, das erleben wir gerade. Aber nicht schulterzuckend: „So ist das Leben eben.“ Erst recht nicht wie im Lied mit einem trotzigen: „Hab es selbst so gewählt.“ Nein, diese Situation haben wir überhaupt nicht selbst gewählt. Niemand hat sie sich ausgesucht - die Kranken, ihre Angehörigen, die in Quarantäne vom Leben draußen Abgeschnittenen sowieso nicht. Genauso wenig die, die jetzt gewaltige Lasten an Verantwortung tragen in der Politik, in den Verwaltungen, in Arztpraxen und Testlaboren, in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Diakoniestationen.

„Nichts bleibt, wie es war.“ Es ist schwer auszuhalten, dass ich meine 89jährige Mutter auf absehbare Zeit nicht besuchen kann. Wenigstens geht telefonieren. Es ist schwer auszuhalten, dass auf dem Friedhof höchstens zehn Personen von dem geliebten Menschen Abschied nehmen dürfen. Umso wichtiger, dass wir diesen Abschied trotz allem würdig und tröstend gestalten. Es zerreißt uns fast: Nähe ist gerade fast nur auf Distanz möglich. Gottesdienste am Bildschirm. Glücklicherweise haben wir technische Möglichkeiten, um in Kontakt zu bleiben.

„Nichts bleibt, wie es war.“ Wie es wohl nach der Corona-Krise weitergehen wird? Werden Viele das Verpasste nachholen wollen „auf Teufel, komm raus“? Oder wird sich die gegenwärtige „Entschleunigung“ nachhaltig positiv auswirken auf unser Miteinander? So dass wir das, was uns wirklich verbindet, umso mehr wertschätzen.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Spricht aus dem letzten Satz des Predigttextes nicht ein ganz ähnliches Gefühl? Dass nichts sicher ist in dieser Welt, dass nichts bleibt, wie es war, weil alles vergehen wird.

Ja, in dem Text steckt auch eine Vergänglichkeitsklage - aber das ist längst nicht alles. Denn er will unseren Blick frei machen vom ausschließlichen Fixiert-Sein auf uns selbst und die Situation, in der wir uns gerade befinden. Er lenkt unseren Blick vielmehr auf Jesus, unseren Bruder im Leiden, und auf Gottes helle Zukunft für uns und die Welt: „Sondern die zukünftige (Stadt) suchen wir.“

 

2.    Auf Jesus schauen

„Draußen vor dem Tor“ hat Jesus gelitten. Golgatha liegt vor den Toren Jerusalems. Doch es geht nicht um den Ort an sich. Der Autor des Briefes will sagen: Jesus wird an den Rand gedrängt, ausgeschlossen von der Gemeinschaft. Indem er dies auf sich nimmt, schafft er Heil für uns - „damit er das Volk heilige durch sein Blut“ -, wird er zum Bruder und Hoffnungsträger für alle, die ebenfalls Schweres erleiden, die an den Rand und aus der Gemeinschaft heraus gedrängt werden.

Jesus leidet „draußen vor dem Tor“ mit denen, die auf den Intensivstationen um ihr Leben ringen und keinen Besuch bekommen können, mit den Angehörigen, die sich nicht wirklich verabschieden können von ihren sterbenden und gestorbenen Lieben. Jesus leidet mit uns in unserer Hilflosigkeit: Oftmals wollen wir, aber wir können und dürfen nicht helfen.

Jesus leidet „draußen vor dem Tor“ und ruft uns zur Solidarität mit denen, die einsam leiden oder unter Einsamkeit leiden. Dass wir für sie beten, sie wenn möglich anrufen. Ideen entwickeln, wie wir ihnen irgendwie doch beistehen und nahe sein können: „So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager.“

Schließlich: „Wir wollen mit Ausdauer laufen in den Wettkampf, der noch vor uns liegt, und hinschauen auf den, der unserem Glauben vorangeht und ihn vollendet, auf Jesus.“ (Hebräer 12,1.2) Nach einer geläufigeren Übersetzung: „aufsehen zu Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens.“ Glauben heißt: Ich schaue auf Jesus, bin dankbar, dass er mich im Glauben auf den Weg gebracht hat, vertraue fest darauf, dass er mich auf diesem Weg zum Ziel bringen wird.

 

3.    Die zukünftige Stadt

Das Ziel heißt: Gottes neue Welt, Gerechtigkeit und Frieden, die „Hütte Gottes bei den Menschen“ (Offenbarung 21,3), das Ende von Gewalt, Leid und Tod. Das Ziel ist die „zukünftige Stadt“. Jedoch nicht in einem Gegeneinander von Stadt und Land.

Die zukünftige Stadt - als Christen „suchen“ wir sie. Wir können sie nicht erbauen, können uns aber auf den Weg machen. „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN“, rät der Prophet Jeremia (Jeremia 29,7). Dort geht es nicht um die zukünftige, vielmehr um die gegenwärtige Stadt. Um Babel, wohin die Israeliten verschleppt wurden. Doch hier wie dort geht es um das gemeinsame „Suchen“.

Miteinander suchen, wie unser Zusammenleben besser, menschlicher gestaltet werden kann. Wenn es gut geht, gibt uns die Corona-Krise einen Schub, damit wir in der richtigen Richtung suchen und finden.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Für mich keine resigniert weltflüchtige Klage. Vielmehr eine Ermutigung auf dem Weg - mit Blick auf Jesus und auf Gottes Zukunft. Mit Blick auf die Finsternis des Karfreitags und das Licht am Ostermorgen.

Unsere Städte und Dörfer werden nicht bleiben, wie sie waren und sind. Das Beste für sie zu suchen bleibt gleichwohl eine lohnende Aufgabe. Amen.

 

Lied EG 97,4-6         Wollen wir Gott loben, leben aus dem Licht

 

Vaterunser

 

Segen (Philipper 4,7 nach der Übersetzung der „Zürcher Bibel“)

Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken bewahren in Christus Jesus. Amen.